Veröffentlicht am: Mi, 20. August, 2014

Wie im Fernsehen

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Seit einem Jahr ist Eseosa Aigbogun (21) Nationalspielerin – heute spielt sie gegen die USA vor 10000 Zuschauern.

Eseosa Aigbogun (Mitte) hat mit dem Nationalteam und mit ihrem Verein FC Basel hohe Ziele. (Bild: Seraina Degen)

Eseosa Aigbogun (Mitte) hat mit dem Nationalteam und mit ihrem Verein FC Basel hohe Ziele. (Bild: Seraina Degen)

Normalerweise spielt Eseosa Aigbogun vor 100 Zuschauern. Wenn überhaupt. Die Spiele der FC Basel Frauen auf dem Campus in Münchenstein ziehen jeweils nicht das ganz grosse Publikum an. Manchmal sind es mehr. Vielleicht zehnmal mehr. Dann, wenn sie mit dem Schweizer Nationalteam vor Heimpublikum antritt. Heute Abend aber, wenn das Schweizer Frauen-Nationalteam in Cary im US-Bundesstaat North Carolina auf die USA trifft (siehe Box), wird Eseosa Aigbogun vor hundert Mal mehr Zuschauern spielen als gewöhnlich. Der „Wakemed Soccer Park“ ist ausverkauft, 10000 frenetische Fans werden erwartet. „Das ist ein riesen Erlebnis für mich. Ich kann es ehrlich gesagt noch gar nicht richtig glauben. Im Hinblick auf die WM im nächsten Jahr ist es ein wichtiger Test für uns“, sagt Eseosa Aigbogun über das Spiel gegen die Weltnummer 1 im Frauenfussball und macht dabei grosse Augen.

Von null auf hundert
Ziemlich genau vor einem Jahr hat Eseosa bereits einmal grosse Augen gemacht. Am 19. August 2013 bekam die nigerianisch-schweizerische Doppelbürgerin ihr erstes Aufgebot für das A-Nationalteam – zuvor absolvierte sie bereits Einsätze für das U19- und U20-Nationalteam. „Ich durfte eine Woche lang am Training teilnehmen, hätte aber nie gedacht, dass ich dann gleich voll dabei bin“, erinnert sie sich. Als sie dann das Mail mit dem Aufgebot las, sei ihr fast das Herz stehen geblieben, so Aigbogun. Plötzlich war die damals 20-Jährige „von null auf hundert“ mittendrin bei den besten Fussballerinnen des Landes. Doch Eseosa Aigbogun, die von sich selbst sagt, dass sie nicht sehr überzeugt von sich selbst und dies ihr wohl grösstes Problem sei, stellte sich viele Fragen. „Die meisten Teamkolleginnen im Nationalteam spielen im Ausland, manche sind gar Profis. Ich fragte mich, ob ich da überhaupt mithalten kann.“

Eseosa Aigbogun

Die Entwicklung ist noch lange nicht zu Ende
Diese Zweifel sind manchmal immer noch da. Auch wenn sie eigentlich weiss, das sie unbegründet sind und sie sich nicht mehr beweisen muss, sie vom Team gut aufgenommen wurde und schnell integriert war. „Eseosa ist nicht der laute Typ, braucht sich aber deswegen nicht zu verstecken. Sie hat sehr hohe Ansprüche an sich selbst und muss noch lernen, ihre Stärken zu erkennen und nicht immer nur das Negative zu sehen“, sagt Nationaltrainerin Martina Voss-Tecklenburg. Die fussballerische Entwicklung von Eseosa Aigbogun verlief rasant. Vor drei Jahren wechselte sie von den FC Zürich Frauen zum FC Basel, wo sie im Frühling mit dem Cupsieg ihren ersten grossen Titel feierte. Mit den Erfolgen bei Basel und auch im Nationalteam sei Aigbogun bereits sicherer geworden, findet Voss-Tecklenburg. Die Schweizer Nationaltrainerin ist überzeugt, dass ihre Entwicklung noch lange nicht zu Ende ist – ihr Ziel ist es, dass die schnelle Stürmerin dereinst die Schweizer Top-Spielerinnen ersetzen kann. „Das Potenzial, um eine echte Konkurrenz zu sein, hat sie. Ich glaube aber, dass ihr das gar nicht bewusst ist“, so Voss-Tecklenburg.

Black-Out beim Debüt
Die Nervosität gipfelte darin, als Eseosa Aigbogun im vergangenen September ihr Debüt im Schweizer Dress gab. In Nyon wurde sie im ersten WM-Qualifikationsspiel gegen Serbien in der 82. Minute eingewechselt. „Nach dem Einlaufen sass ich auf der Bank, als die Trainerin plötzlich meinen Namen rief. Mein Herz raste, ich hatte einen totalen Black-out, suchte mein Trikot und vergass fast, meine Schienbeinschoner anzuziehen. Ich dachte, oh mein Gott, das ist wie im Fernsehen“, erinnert sie sich. Heute kann sie darüber schmunzeln, wenn sie von ihrem ersten Einsatz – wo sie fast noch ein Tor geschossen hätte – erzählt. Der Torerfolg folgte dann ein halbes Jahr und sechs Einsätze später: Am Zypern-Cup anfangs März schoss Eseosa Aigbogun gegen Neuseeland die beiden Tore für die Schweiz.

Entscheid für die Schweiz
Dass Eseosa Aigbogun überhaupt für die Schweiz spielt, stand genau zu jenem Zeitpunkt ihres Debüts auf der Kippe. Da sie auch den nigerianischen Pass besitzt – ihr Vater kommt aus Nigeria – wurde der Verband auf sie aufmerksam, weil ein Journalist hin und wieder über sie Texte in einer Zeitung veröffentlichte. Doch sie lehnte das Angebot ab und entschied sich für die Schweiz. Um ihrer zweiten Heimat doch noch etwas zurückzugeben, plant sie ein Fussball-Projekt für Mädchen in Nigeria zu lancieren. „In Nigeria ist es nicht so wie in der Schweiz, wo ein Mädchen ohne Probleme Fussball spielen kann. Die Leute sind arm und die Strukturen kompliziert. Ich möchte diesen Kindern helfen“, so Aigbogun. Ein Anfang ist bereits getan: Ihre Teamkolleginnen aus dem Nationalteam haben ihr Material, das sie nicht mehr brauchten, gegeben, das sie nach Afrika geschickt hat. Sie selbst war erst zweimal in Nigeria, möchte aber bald einmal wieder hinfliegen.

Mit dem FC Basel feierte Eseosa Aigbogun in der letzten Saison den Cupsieg. (Archivbild: Chris Blattmann)

Mit dem FC Basel feierte Eseosa Aigbogun (Mitte) in der letzten Saison den Cupsieg. (Archivbild: Chris Blattmann)

Noch nicht bereit
Bis es so weit ist, hört sie sich afrikanische Musik an oder kocht typisches nigerianisches Essen wie Fufu, ein fester Brei aus Maniok oder Yams und Kochbananen. Die Zutaten dazu bekommt sie von ihrem Vater, der Pastor in Dietikon ist und zudem einen Laden mit afrikanischem Essen führt. Mindestens einmal in der Woche fährt sie nach Hause zu ihrer Familie, dorthin, wo sie aufgewachsen ist und vor neun Jahren mit Fussball spielen begonnen hat. Und mindestens noch ein Jahr wird sie in Basel wohnen, bei den FC Basel Frauen spielen und ihre Ausbildung zur Kaffrau beenden. Ein Angebot vom SC Freiburg lehnte Eseosa Aigbogun diesen Sommer ab: „Ich fühlte mich noch nicht bereit für diesen Schritt.“ Viel lieber sorgt sie in der Nationalliga A mit ihren schnellen Antritten für Furore, will mit Basel wieder Cupsieger und auch Meister werden und im nächsten Juni an der WM nach Kanada teilnehmen. Dann wird sie sich nicht nur wie im Fernsehen fühlen, sondern auch im Fernsehen sein. Denn die WM-Spiele werden live am TV übertragen.


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