Veröffentlicht am: Do, 02. Dezember, 2010

Sandra De Pol: „Die kompletteste Fussballerin der Schweiz“

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Kaum jemand weiss, dass es eine Schweizerin gibt, die seit 12 Jahren erfolgreich in der Bundesliga spielt, und über die man in der Heimat kaum spricht. Sandra De Pol gehört zu Bayern München, wie Brezn zum Bier.

Du gehörst bei einem Kader von 25 Spielerinnen seit über 10 Jahren zur Stamm-Elf eines Teams in der 1. Deutschen Bundesliga. Was ist Dein Geheimrezept?

Geheimrezept? Ich habe keines… – einfach viel Glück (lacht). Anfangs als ich aus den USA kam, war es aber schon eine schwierige Umstellung. Und ich hatte mit vielen Verletzungen zu kämpfen. Das Training war in Deutschland härter und es wurde mehr auf Kraft gesetzt. Irgendwann machte es aber „Klick“ im Kopf, und ich konnte mich durchsetzen. Bis heute ist mir aber der Spass am Fussball geblieben, und diese Freude treibt mich an.

Heute spielt unsere halbe Nati bei ausländischen Klubs. Du hast den Sprung ins Ausland – mit wenigen anderen vor mehr als zehn Jahren gemacht. Bist Du Dir dieser Pionierrolle bewusst?

Nein, ich bin damals vor allem wegen der Sprache und der Erfahrung in die USA gegangen. Und erst in zweiter Linie für den Fussball. Das ergab sich per Zufall als wir mit Malters an einem Turnier in Holland teilnahmen und gewannen. Anwesende US-Teams wurden aufmerksam, Kontakte wurden geknüpft und ein Fussballstipendium war die Folge, welches Ausbildung, Verpflegung und Unterkunft abdeckte. Ich war vorher noch nie in Amerika und habe einfach zugesagt. Mit meinem damaligen Freund, welcher auch ein Stipendium erhalten hat, waren es zwei schöne und erlebnisreiche Jahre in Amerika.

Du spielst seit Jahren mit der ungewöhnlichen Rückennummer 23. Hat diese Zahl irgendeine spezielle Bedeutung für Dich?

Ja, die Nummer 23 trage ich jetzt seit 12 Jahren, seit ich in der Bundesliga spiele. Ich bin mit 23 Jahren nach Deutschland gekommen. Darum habe ich damals danach gefragt, die 23 war frei und es hat geklappt.

Kathrin Lehmann bezeichnet Dich als „kompletteste Spielerin, die die Schweiz je hatte“. Wie erklärst Du Dir die Tatsache, dass unser Nationalteam in den letzten zehn Jahren auf eine Spielerin Deines Kalibers verzichten konnte?

Wow, danke, daß ist wirklich ein grosses Kompliment! Bayern-München ist mein Arbeitgeber und mein fussballerischer Fokus. Ich erbringe meine Leistungen hier und erhalte dafür vom Klub und Umfeld tolle Unterstützung, Respekt und Anerkennung. Das reicht mir völlig aus.

De Pol im Einsatz für Bayern München

Erinnerst Du Dich noch an Dein Debüt im Schweizer Nationaldress?

Ja, klar. Das war 1993 ein Länderspiel mit dem Nationalteam in Wädenswil gegen Deutschland. Ich weiss noch genau, dass Martina Voss (aktuelle Trainerin des FCR 2001 Duisburg) meine direkte Gegenspielerin war. Und wir haben mit einer knappen 0-1 Niederlage einen Achtungserfolg erzielt.

Was war denn Deine bisher bitterste Niederlage?

Wir haben in der Saison 2008/09 die Meisterschaft am letzten Spieltag um 1 Tor verloren. Das letzte Spiel haben wir zwar mit 3:0 gewonnen, aber wir hätten 4:0 gewinnen müssen. Den damaligen Meister hatten wir im direkten Vergleich zwei Mal geschlagen und auch mehr Tore geschossen. Aber wir hatten die schlechtere Tordifferenz. Eben dieses eine verflixte Tor. So haben wir unseren ersten Meistertitel knapp verpasst. Das war wirklich bitter. Obwohl wir gewonnen haben, haben wir alles verloren.

Welche Veränderungen in Sachen Professionalität, Infrastruktur, etc. konntest Du in der Bundesliga in den letzten Jahren feststellen?

Ich wechselte 2000 zu FC Bayern München, der damals gerade den Aufstieg in die 1. Bundesliga geschafft hatte. Seither gab es ständig Verbesserungen mit Trainingsplätzen, Ausrüstung und Betreuung (Management, Sportmedizin, Presse, etc.) Zudem können wir zu den meisten Auswärtsspielen mit dem Flugzeug reisen.

Kannst Du vom Fussballspielen leben?

Nein. Aber vor eineinhalb Jahren konnte ich mein Arbeitspensum auf 80% reduzieren. Vorher habe ich neben dem Fussball immer Vollzeit gearbeitet. Ohne das Entgegenkommen und die grosse Flexibilität meines Arbeitgebers hätte ich dies aber nicht unter einen Hut bringen können.

Gibt es in Deinem Team denn Vollprofis?

Nein, bei uns kann niemand vom Fussball leben. Aber es hat sich über die Jahre in Sachen Gehalt viel getan. Es gibt schon ein Lohngefälle innerhalb des Teams. Vereinszugehörigkeit, Berufung in Auswahlteams, etc. spielen dabei eine Rolle. Aber wir sprechen hier wirklich von kleinen Summen! Junge Spielerinnen werden jedoch besonders unterstützt. Sie können in einer Bayern-WG wohnen (2-3 Spielerinnen), das entfällt die Miete und sie sind in der neuen Umgebung nicht alleine. Es wird beim Ausbildungsplatz geholfen, Sponsoren des FC Bayern München stellen Ausbildungsplätze zur Verfügung und alle anderen sind ja schon groß genug (lacht).

Deine Eltern fahren aus der Schweiz regelmäßig zu Heimspielen nach München. Welche Bedeutung hat Deine Familie für Deine Erfolgskarriere?

Meine Eltern haben mich immer unterstützt und ohne sie wäre alles nicht möglich gewesen. Bestimmt bin ich auch durch die aktive Karriere meines Vaters immer nah am Fussball gewesen und er hat mir viel mit auf den Weg gegeben. Er hat unter anderem in Grenchen NLA und B gespielt und war auch lange Jahre als Trainer tätig.

Hast Du einen Lieblingsklub in der Schweizer Super League?

Ich habe keinen Lieblingsverein in der Schweiz, aber ich schaue immer zuerst wie GC gespielt hat. Ich kenne mich nicht mehr gut aus, dafür bin ich schon zu lange weg. Immerhin 14 Jahre. Grundsätzlich freue ich mich einfach, wenn mit Freude und Leidenschaft Fussball gespielt wird, egal wo!

Angenommen GC würde in der Champions’ League spielen und dabei auf Bayern-München treffen. Für welchen Klub schlägt Dein Herz?

Ganz klar für Bayern-München.

Wenn du bei Bayern aufhörst, kommst du zurück in die Schweiz? Oder ist Deutschland zu Deiner zweiten Heimat geworden?

Ich fühle mich in München wohl und werde auf jeden Fall hier meine Karriere beenden. Wie es danach weiter geht weiss ich noch nicht. Ich bin 35 Jahre alt und war bereits viel unterwegs. Ich hatte in den letzten Jahren auch mit gesundheitlichen Beschwerden zu kämpfen, die nicht sofort ersichtlich waren. Ich litt unter Depressionen. In so schwierigen Momenten zählen das nahe Umfeld, der Klub und der Arbeitgeber ganz besonders. Und alle standen hier in München voll hinter mir. Und das fühlt sich dann wirklich an wie Heimat. Aber psychische Probleme sind im Spitzensport ja nach wie vor ein grosses Tabu. Der tragische Fall von Torhüter Robert Enke hat jedoch die Öffentlichkeit für die Thematik sensibilisiert.

Wenn Dich eine 10jährige Fussballerin aus der Schweiz fragen würde, wie sie es als Stammspielerin zu Bayern-München schaffen könnte, was würdest Du ihr raten?

Mmmh, also: „Spiel so lange wie möglich bei den Jungs.“ Die jüngsten Talente in unserem Team schaffen oftmals gleich den Sprung von den Jungs in die 1. Bundesliga. Als zweiten Punkt würde ich ganz klar sagen, dass Fussball stets mit Freude, Spass und Herzblut gespielt werden sollte. Dann würde ich drittens auch noch „Geduld haben“ sagen. Oftmals ergeben sich Chancen nicht gleich, somit nicht aufgeben und stets an sich glauben.

Sandra, alles Gute und herzlichen Dank für das Gespräch!

Die Autogrammkarte von Sandra De Pol

Eine Autogrammkarten-Kollektion der Frauen von Bayern-München wurde vom Fotografen Rainer Gmach im Retro-Stil entworfen


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