Veröffentlicht am: Mi, 02. Juni, 2010

Ein Wochenende im Mai

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Afrikanerinnen in der Bundesliga: Die Erfüllung eines Traums? Zu Besuch bei Florence Okoe und Rumanatu Tahiru in Berlin.

Die beiden Berliner Bundesliga-Erstligisten verabschieden sich aus der obersten Klasse: Hertha vor 60‘000 im Olympia-, die Tennis Borussia Frauen vor 200 Zuschauern in Mommsenstadion. Es war eine fürchterliche Spielzeit für Te Be, dem Neuling vom letzten Frühling:  21 Spiele, 6 Punkte, 14:73 Tore vor dem letzten Spieltag, direkter Wiederabstieg. Jüngst ein 0:13 in Frankfurt: „Die Prinz musste das Tor nur angucken, schon war er drin“, sagt der Berliner Trainer Thomas Grunenberg. Seine Veilchen hätten gekämpft und eigentlich auch gut gespielt, aber es kam wie meistens in dieser Saison. „Das ist die beste Liga der Welt! Keiner von uns wusste, was uns erwartet“, sagt er. Man ahnt, dass er um seinen Job bangt: „Das Jahr war ein Abenteuer für uns alle.“

Das sagen auch Florence Okoe und Rumanatu Tahiru: „Es ist ein Abenteuer“, eins mit offenem Ausgang. Die beiden sind Nationalspielerinnen aus Ghana, 26 Jahre alt und laufen seit letztem Sommer für TeBe. Okoe ist eine kleine, kräftige defensive Mittelfeldspielerin mit Punch und guter Ballführung. Sie gehört zum Stamm. Tahiru hingegen spielt wenig. Sie ist offensiv orientiert und hat Technik, kann sich aber selten durchsetzen. Die beiden „Black Queens“, so nennt sich die Nationalmannschaft Ghanas, wohnen im Altersheim in Wannsee. Hier hat sie der Verein in kleinen Einzimmerwohnungen untergebracht. Pensionäre spazieren im Park. Um die Ecke liegt der jung verstorbene Dichter Heinrich von Kleist begraben. „Das Leben ist gut in Deutschland“, meint Tahiru und Okoe nickt. Dann sagen sie, was viele afrikanische Sportler in Europa sagen: Es sei schwer, ohne die Freunde, die Familie. „Aber die Erfahrung ist es wert. Zum Glück sind wir zusammen hier“, lachen beide.

Florence Okoe (Bild: zvg)

Okoe mag den deutschen Fussball: „Die Teams sind gut organisiert und spielen hart.“ Härte sei auch dem afrikanischen Spiel eigen, sagt sie. Tahiru schweigt. „Sonst lässt sich aber nichts vergleichen. Heute ist Frauenfussball in Ghana akzeptiert, doch dass die Eltern ihre Mädchen ins Training fahren, wie sie es hier tun, würde bei uns nie vorkommen“, erklärt sie. Jetzt erzählt auch Tahiru:  „Ich habe deswegen viel mit meinen Eltern gestritten und mich wegschleichen müssen, um zu spielen. Sie glaubten, ich sei im Unterricht, doch ich war am Kicken.“ Später wurde Tahiru selber Lehrerin und verdient heute, als Fussballerin, mehr als ihr Vater. Viel ist das nicht. Etwa 1500 Euro kostet eine Athletin den Verein im Monat, die Hälfte davon geht für Wohnung und Versicherung ab. Die beiden Ghanaerinnen erhalten mehr als die meisten andern im Kader. Doch die leben zum Teil bei ihren Eltern und studieren. Tahiru schickt ihr Geld nach Hause.

Ob sie das weiterhin tun kann, ist ungewiss. Die Verträge der beiden laufen aus. Sie wissen weder, ob der Verein sie halten will, noch, ob sie zweite Liga spielen sollen. Kommt dazu: Te Be geht es schlecht. Man wird noch im selben Monat Insolvenz anmelden, die Anhänger stellen sich gegen den Vorstand, dem, auch in Bezug auf die Frauenabteilung, grobe Fehler vorgeworfen werden. Alles entscheide sich in den nächsten Tagen. Tahiru fürchtet, in Ghana wegen ihres Auslandsaufenthalts keine Stelle mehr zu finden und setzt alle Hoffnung in ihren Agenten. Die Sprachbarriere hindere sie daran, ihr Schicksal in die eigenen Hände zu  nehmen. Zwischen den Zeilen deutet sie an, vertraglich an den Vermittler gebunden zu sein. Ihr Agent, ist Dominik Müller, deutscher Botschaftsangestellter in Accra und U17 Torwarttrainer Ghanas. Er hat die beiden nach Berlin gebracht. Afrika wird gegenwärtig für den Frauenfussball als Arbeitsmarkt erschlossen. Die Regeln des Geschäfts sind gesetzt: Die Vereine tragen das sportliche Risiko, die Spielerinnen das menschliche.

Nach Spielschluss treten solche Gedanken kurz in den Hintergrund. Die Absteigerinnen jubeln. Der HSV, ohne Ana Maria Crnogorcevic angetreten, hat sich 3:1 schlagen lassen. Im Spiel wird klar, warum Okoe die andern Mannschaften für gut organisiert hält. TeBe, nicht ohne Talent, spielt planlos. Ein System würde gerade der begabten Verteilerin im Mittelfeld gut tun. Sie ist die einzige, die einmal einen Doppelpass versucht, sonst wird meistens lang gespielt. Grunenberg fürchtet zu recht um seinen Posten. „Okoe würde ich gerne behalten“, sagt er, „für Tahiru tut es mir leid.“ Sie hat auch heute nicht gespielt. Es klingt wie der Anfang vom Ende einer bekannten Geschichte. Europa als Sackgasse, Endstation Wannsee?


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